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wenn Männer zusammen tanzen

Klar, wenn ich mir heute Fotos und Videos zum Tango anschaue, dann ist das zunächst mal heterosex gepaart mit Sex, Erotik und manchmal  zuviel Dominanzgebalze. Daneben gibt es natürlich auch noch den romantischen und schönen Fluss im gemeinsamen Rhythmus, ganz ohen erotische Hintergedanken. Aber das war und ist nicht der Ursprung des Tango und hat mit dem Ursprung auch wenig zu tun.

Die ersten Tangos tauchen so um die 1870 auf und das in einer Gesellschaft die fast nur aus Männern bestand. Die wurden nämlich aus Europa in jungen Jahren nach Argentinien geschickt um Geld zu verdienen oder die Ankunft der Familie vor zu bereiten.

Die Männer lebten, arbeiteten und schliefen zusammen in Gemeinschaftsunterkünften und eine Frau traf man so gut wie gar nicht. Gab es dann mal eine Festivität, auf der es auch eine Handvoll Frauen gab, dann hatte man als Mann trotzdem kaum eine Chance mal mit einer Frau zu tanzen. Wenn es aber dazu kam, dann musste alles perfekt sein, also übten und tanzten die Männer all die typischen Gesellschafttänze der Zeit.

Der Tango scheint sich zu der Zeit als eine art Fantasietanz entwickelt zu haben. Das große gesellschaftliche „Risiko“ des Tangos, lag ja darin, das Du als Mann zwischen die Beine des Folgenden gehst. Eine sehr erotische Angelegenheit zu der Zeit und definitiv etwas was die jungen Männer nur zu gerne getan hätten, aber wozu es eben so gut wie nie kam.

Die jungen Männer tanzten diesen neuen Tanz Tango um die Frauen zu beeindrucken und um sie zu werben, denn nur mit den besten wurde am Ende getanzt.

Natürlich gab es auch eine latente untergründige schwule Kultur. Es gab Männer die berühmt waren als folgende und die nie mit Frauen getanzt haben. Um solche Männer wurde zum Teil gekämpft und sie waren zu der Zeit sehr begehrte Tanzpartner.

Über die Jahrzehnte wurde der Tango dann in den Familien von den Vätern an die Söhne weitergegeben und später  von den Müttern an die Töchter. All das geschah in der Regel nur  innerhalb der häuslichen Umgebung. Erst wenn die jungen Burschen mit 12 ins Berufsleben gingen, fingen sie an sich mit anderen Männern zum Tangolernen zu treffen und erst wenn sie ein paar Jahre gelernt hatten als Folgende und Führende, hatte sie vielleicht mal eine erste chance zu einer Milonga mitgenommen zu werden.

Dort wurden sie dann mit etwas Glück einer Frau vorgestellt, die mal eine Tanda mit ihnen tanzt. Einer Frau, die es gewohnt ist nur mit den besten der Tänzer zu tanzen. Wenn Du dort als junger Mann dann also nicht aktzeptiert wirdest, dann hies das zurück in de Tangoschule mit den anderen jungen Männern. Survival of the fittest.

Während der Rest der Welt sich in den 1940ern im Krieg aufrieb und Siegen beschäftigte, gab es in Argentinien ein vibrierende Kulturszene rund um den Tango und er erreichte seinen Zenith in der Bedeutung der Gesellschaft. Der Tango dieser zeit war wohl am ehesten zu vergleichen HipHop New Yorks, eine Kultur mit Gangstern, die sich damit eine Bühne verschafften.

Milongas waren somit ein hoch formalisiertes rituelles Treffen, bei dem man nur teilnehmen durfte wenn man gut war. Männer und Frauen mussten also separat, permanent und lange üben, bevor sie überhaupt mal zu einer Milonga eingeladen wurden. Einfach mal hingehen war eh keine Option.

Die Tradition innerhalb des eignen Geschlechtes Tango zu lernen und zu üben, wurde noch weit bis in die 1950er Jahre eingehalten. Männerpaare die Tango tanzen waren also für fast ein Jahrhundert das normale Bild des Tango. Männer haben die Figuren erdacht, ausprobiert und weitergegeben. Frauen waren vielleicht ein großer Teil der Fantasie, aber nur ein kleiner Teil der aktiven und kreativen Szene.

Dann folgten 30 Jahre der Korruption und Unterdrückung, Der Tango überlebte in kleinen Nischen und im Untergrund. Als der Tango dann in den 1980ern wieder mehr in den Vordergrund rückte, wurde durch den internationalen Feminismus die Trennung der Geschlechter zurückgewiesen. Frauen und Männer wurden motiviert zusammen zu lernen und nicht mehr getrennt.

Im modernen Tango gab es also plötzlich Männer, die Frauen beim üben führten. Das war etwas, das weit weg von der Tradition und dem Ursprung des Tango war. Die unbändige Kraft wenn zwei erwachsene trainierte Männer miteinander Tangotanzen und üben, war verschwunden.

Das war ein Fehler, denn einen richtig guten Tango lernt man nur, wenn man in beiden Rollen jahrelang trainiert. Führend und folgend.
Der Versuch die eine fast, rituelle Tangoefahrung , des ausgehenden 20zigsten Jahrhunderts zu schaffen und zu erfühlen, muss also scheitern. Das Jahrelange beschäftigen mit beiden Rollen fehlt einfach an allen Ecken und Kanten. Das Selbstverständins ist einfach nicht vorhanden.

Heute im 21 Jahrhundert, wird zunehmend wieder mehr Wert auf diese Elemente gelegt und das mit gutem Erfolg. Tango ist deswegen nicht schwul  oder hetero und schon gar nicht dominant, aber er hat eine klare Linie und ist dabei unbändig und überbordend.
Er ist eben gerade nicht Mainstream , sondern eher Wiederstand gegen die Normen. Er entwickelt sich in seiner Ausdrucksform permanent weiter und kann deswegen nicht auf eine Dekade oder Form reduziert werden.

 Der Tango ist eben etwas für Menschen die bereit sind mehr als nur eine einzelne Rolle zu lernen.

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