Veröffentlicht am

1988 Tango, oder so ähnlich

Mainz 1985: Mann, war ich ein schlechter Tango Tänzer mit meinen 20 Lenzen… und damit meine ich noch nicht, dass ich mich am Anfang meiner “Tangokarriere” rüpelhaft benommen hätte. Nein, ganz im Gegenteil, ich war schon immer ein freundlicher Tänzer. Aber das was ich Ende der Achtziger in Mainz/Wiesbaden an Tango gelernt habe, das war einfach unterirdisch.

Kleines Beispiel? Da habe ich einen Ocho mit der Hand auf dem Kreuz der Dame geführt, immer schön links und rechts von der Wirbelsäule im Takt drücken. Oder das Rückwärtskreuz der Frau führen (das war schon ein Kreuz mit dem Kreuz…), da wurde kurzerhand im richtigen Moment mit der rechten Hand – oder auch dem ganzen Arm –  ein bisschen nach links geschoben und schon musste sich die Frau auf das linke Bein ins Kreuz retten. Na gut, meine original argentinischen Lehrer von damals gehörten wohl nicht zur Creme de la Creme.

Als ich dann ein paar Jahre später nach Hamburg zog bekam ich für solches Benehmen dann auch gleich die Rote Karte von den Frauen und das will was heißen, denn eigentlich lassen sich die Frauen doch einiges gefallen im Tango, oder Sie waren damals doch einfach wählerischer?

Meine darauf folgenden Tangokurse in Hamburg haben diese Defizite ganz schnell beseitigt und mich an das dortige Tanzschema angepasst, leider hat aber auch genau diese Art von Unterricht wieder  jede Menge neue Defizite zu Tage gebracht (“….und nun lehnen wir uns mal wie ein umgekehrtes V aneinander…”).

Viel zu viel Energie, Interessante Achsen und ein wildes Tempo mit zu wenigen Pausen trieben mir und meinen Tanzpartnerinnen zwar ein Lächeln und gehörig Schweiß ins Gesicht, aber Ruhe und Zweisamkeit, stille Erotik und geschlossene Augen der Partnerin, ein  gemeinsames Dahingleiten, das gab es schlichtweg viel zu selten.

Ich brauchte noch ein paar Jahre um die Zusammenhänge und Unterschiede zu begreifen. Mit dem aufkeimenden Neo Tango wurde ich jedoch erst wirklich ruhiger, vor allem merkte ich schnell,  das da wohl noch viel mehr geht. Durch das „Glück“, das in Hamburg Anfang des neuen Jahrhunderts einige Neo Tänzer und Tänzerinnen aufschlugen, fing ich an meine Bewegungsmuster und Schema zu überdenken und gegenzusteuern um zu angenehmeren Bewegungsabläufen (für mich) zu kommen. Wie bereits erwähnt, wurde mir die immer noch vorhandene Menge an Energie und die damit verbundene Übertreibung erst so richtig bewusst in dem open Embrace des Neo Tangos. Ohne den „Vollkontakt Tango des Salon“ konnten mir die Frauen oft nicht richtig folgen, oder ich habe nicht rechtzeitig gemerkt wo Sie hin wollten, von dem Respekt vor der eigenen Achse der Frau, war ich allerdings immer noch Tangomeilen entfernt. Wie man den Neo und den Salon in einem Tango Nuevo kombiniert, die Schönheit des alten mit der Dynamik des neuen?…..ach vergiss es, damals waren für mich Neo Tango und Tango Nuevo eh ein und dasselbe.

Ich verstand aber, das Neo Tango nichts ist ohne den traditionellen Tango verstanden zu haben, also war es an der Zeit radikalere Änderungen in Angriff zu nehmen. Durch meine Scheidung und den plötzlichem Defekt meines Sinusknotens zu einem Herzschrittmacher gezwungen, nahm ich mir eine lange Auszeit und konzentrierte mich darauf meine Bewegungen komplett zu analysieren und zu überarbeiten. Jeden Tag habe ich selber für mich geübt und bin abends 7 Tage die Woche auf allem was sich Milonga nannte unterwegs gewesen, 6 Monate lang. Dann 2-mal die Woche Einzelstunden. 2 Monate lang. Dann hatte ich begriffen, ich muss mal komplett raus hier und habe ich mich in den Flieger gesetzt und bin nach Uruguay geflogen. Im Gepäck nur ein paar Sachen zum Wechseln und genügend gespartes Geld für ein kleines Zimmer und täglichen Unterricht.

So landete ich also dann erstmal mitten im Montevideo Tangofestival, in den Unterrichtsarmen von Esteban und Evelyn Cortez, sowie dem Straßen Karneval von Montevideo. Nach einem Monat Montevideo intensiv, ging es nach Buenos Aires zum täglichem Trainingsspass beim DNI mit Einzelstunden und Gruppenstunden und Übungsstunden….

Nach 25 Jahren Tango hatte ich zum ersten Mal das Gefühl angekommen zu sein. Verwechselte allerdings immer noch Neo Tango mit Tango Nuevo…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.